Sandsäcke werden zu Bausteinen
Sri Lanka, Indonesien, Ghana, Haiti... Das könnten schöne Urlaubsziele sein. Könnten. Tobias Gottwald hat alles andere im Sinn, als in diesen Ländern Urlaub zu machen. Der junge Mann aus Ensingen ist nach Katastrophen mit dem Technischen Hilfswerk (THW) im Einsatz. Ende September ist er aus Haiti zurückgekehrt.
Haiti? Da war doch was! Ja, dort hat es am 12. Januar ein verheerendes Erdbeben gegeben. Viele haben es schon wieder aus der Erinnerung verdrängt. Das Beben der Stärke 7,0 erschütterte den Inselstaat in der Karibik. Das Epizentrum lag 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Millionen von Menschen waren vom Beben betroffen, Hunderttausende ließen ihr Leben unter den Trümmern. Die Infrastruktur der haitianischen Hauptstadt sowie der umliegenden Städte wurde beinahe vollständig zerstört.
Mit dem Tsunami von 2003 hat es angefangen. Gottwalds Fähigkeiten, in einer Experten-Datenbank festgehalten, waren nach der Flutwelle gefragt. Damals musste er sich innerhalb von zwei Tagen reisefertig machen. „Die Alukiste mit der Ausrüstung ist immer gepackt“, erzählt der 35-Jährige. Jetzt beim Trip in die Karibik konnte er sich vier Wochen lang auf den Einsatz einstellen. Da ist er dankbar, dass ihm sein Arbeitgeber, ein Vaihinger Bauunternehmen, keine Steine in den Weg legt. „Mein Chef steht voll hinter meinem Einsatz“, freut sich der Bautechniker, der seinen Lohn weiterbezahlt bekommt (die Firma bekommt ihn natürlich aus Bundesmitteln ersetzt).
Im Rahmen der Soforthilfe der Bundesregierung produzierten zunächst Trinkwasserexperten des THW täglich rund 400 000 Liter sauberes Wasser, um die Bevölkerung von Port-au-Prince und Leogáne zu versorgen. Außerdem unterstützte das THW die deutsche Botschaft bei der Koordinierung der deutschen Hilfsmaßnahmen.
Um die Strukturen Haitis auch dauerhaft zu stärken, wurde nach der Soforthilfe ein Wiederaufbauprojekt im Auftrag des Amts für humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission (ECHO) ins Leben gerufen. Hier kam nun Tobias Gottwald ins „Spiel“. Er hat auf Haiti ein IDP-Camp betreut (IDP = Internally Displaced Person, was für vertriebene/obdachlose Menschen steht). Rund 6000 bis 7000 Personen befanden sich in seinem Lager in Port-au-Prince. Mehr als 1000 Notlager gibt es laut offiziellen Angaben der Vereinten Nationen im Katastrophengebiet.
Im Projekt arbeiten die THW-Experten mit dem haitianischen Zivilschutz (DPC) zusammen, helfen bei dessen Aufbau und stärken diesen durch Ausbildungsmaßnahmen im Bereich der technischen Hilfe. Hauptziel des Projektes ist es, die Lebensbedingungen der Menschen in den Notlagern durch Baumaßnahmen zu verbessern.
Fachberatung, Multiplikatorenschulung und Unterstützung der lokalen Einheiten waren für Gottwald zusammen mit einem Ingenieur und einem Vorarbeiter angesagt. Täglich standen rund 45 Arbeiter aus einem Cash-for-Work-Programm – es soll die Akzeptanz der Arbeiten erhöhen und den Menschen ein kleines Einkommen sichern – zur Verfügung, die mit Gottwald zusammen zum Beispiel Hänge mit Sandsäcken absicherten, Wege planierten, Treppen aus Sandsäcken anlegten, die Zeltunterkünfte absicherten, Drainagegräben herstellten und säuberten und auch ein Sandsackhaus als Schutzraum gegen Unwetter bauten. Dass dabei gute Arbeit geleistet wurde, hat sich unter anderem nach einem Sturm am 24. September gezeigt. Gottwald: „Die Zerstörungen haben sich in Grenzen gehalten.“
Das Projekt endet im Oktober, denn es ist ist seit Mai auf sechs Monate angelegt. Aufgrund der behördlichen Strukturen und den oftmals nicht geklärten Besitzverhältnissen in Haiti ist eine dauerhafte und sichere Unterbringung der obdachlosen Erdbebenopfer nicht absehbar. Mehr als eine Million Menschen leben nach Schätzungen der haitianischen Regierung immer noch in Notlagern. Diese Einschätzung ist laut Tobias Gottwald durchaus realistisch.
Wie wird der Einsatz der Helfer aus Europa von der Bevölkerung eingeschätzt? „Wir haben in den Unglücksregionen eine sehr große Wertschätzung“, sagt Gottwald, der dem THW Mühlacker angehört. Er ist froh darüber, dass seine Lebensgefährtin seine lange Abwesenheit klaglos akzeptiert, ganz nach Gottwalds Devise: „Wenn man einem Menschen helfen kann, dann ist es den Einsatz wert.“
Quelle: Vaihinger Kreiszeitung (Artikel) |